#82: Ziemestalbrücke 2.0

Vor knapp zwei Jahren war ich zum ersten Mal an der Ziemestalbrücke in Thüringen. Und seit dem stand fest, dass ich unbedingt erneut hin muss. Doch das dauerte länger als gedacht, um genau zu sein, ganze 27 Monate. Ursprünglich war ich auf ein paar Schneebilder scharf. Anfang des Jahres lag zwar welcher, aber dummerweise kam mein gebrochener Zeh in die Quere.

Auf ins Schiefergebirge

Der Wetterbericht versprach eine ordentliche Portion Regen. Eigentlich genau mein Ding. Doch plötzlich wurden zusätzlich Sturmböen prognostiziert. Regen von der Seite ist schon wieder nicht mehr so geil. Aber die Tour erneut verschieben, wollte ich auch nicht und Stefani bestärkte mich, trotzdem hinzufahren. Vielleicht gibt es ja Nebel, meinte sie zu mir.

So kam es, dass wir uns 05:00 Uhr auf der Autobahn in Richtung Thüringen befanden, noch halb mit dem Kopfkissen im Gesicht. Ich wollte ab Ziegenrück entlang der Schienen zur Brücke, doch aufgrund des Regens, entschieden wir uns direkt an der Brücke zu starten. Auf eine Dusche, die knapp 13 Kilometer anhält, hatte ich keinen Bock.

Die Ziemestalbrücke

Auf dem Parkplatz angekommen, sammelten sich immer mehr Regentropfen auf der Frontscheibe. Ich entschied mich für ein kleines Frühstück im Auto. Normalerweise gibts das meist auf den ersten Metern des Wanderweges, nur während es regnet, muss sowas nicht sein.

Als der Magen versorgt war, zogen wir unsere Kapuze über den Kopf und verstauten jede Menge Putztücher für die Objektivlinsen, bevor es nach draußen ging.

Vor 2 Jahren litt ich an einer völligen Reizüberflutung und knipste an der Brücke wie wild darauf los. Damals kam es selten vor, dass ich richtig coole Motive vor der Linse hatte. Diesmal, mit mehr Erfahrung im Gepäck, nahm ich mir mehr Zeit für den Bildaufbau. Auch Stefani ist nicht ganz unschuldig daran. Sie nimmt sich unglaublich viel Zeit für Motive (ich bin das völlige Gegenteil). Dank ihr werde ich gebremst und nehme mir auch mehr Zeit. Zum Glück, so entdeckt man noch mehr Kleinigkeiten.

Bis zu diesem Tag wusste ich nicht, dass auch im Schiefergebirge das Waldsterben in einem unglaublichen Tempo vorangeht. Im Harz ist man es mittlerweile gewöhnt, dass überall Bäume herumliegen und es stellenweise komplett kahl ist. Selbst in der Sächsischen Schweiz fällt es einem immer mehr ins Auge. Und nun sogar hier in Thüringen. Auch Stefani war sichtlich erschrocken. Ihr letzter Besuch ist noch nicht so lange her, wie meiner und dennoch hat sich viel verändert. Zum Glück stehen bisher noch genügend Nadelbäume, um die Brücke passend in Szene zu setzen.

Wir liefen zuerst unterhalb der Schienen entlang, meine Höhenangst hielt sich noch in Grenzen. Ich schoss in Ruhe Bilder, guckte nach unten und fotografierte Schuhe. Als wir anschließend den oberen Weg entlang der Schienen zurückliefen, schlackerten mir aber ordentlich die Beine. Ich bat Stefani einfach vorzulaufen, damit ich mich auf sie konzentrieren konnte. Sie bot mir auch an, dass wir gern wieder die Etage tiefer nutzen können, aber Angst bekämpft man nur mit Konfrontation 😬.

Tunnelwanderung

Nachdem ich gefühlt alles vor/auf/unter/hinter der Brücke aufgenommen hatte, liefen wir noch eine Weile neben den Schienen entlang. Mittlerweile regnete es immer mehr, weshalb wir froh waren, dass einige Tunnel folgten. Problem im Tunnel war nur, dass ein eisiger Wind durch pfiff. Im Sommer bestimmt ganz angenehm, im Winter mächtig uncool.

An diesem Tag begegnete uns auf der Strecke nicht ein Mensch. Und dabei ist sie so wunderschön. Das saftige Moos an den Steinen bringt eine ganz eigene Stimmung mit sich. Ein bisschen Nebel wäre noch perfekt gewesen, aber ich will mich nicht beschweren.

Ursprünglich planten wir eine kleine Rundwanderung, entschieden uns dann aber doch dagegen. Der Weg hätte uns an der Hauptstraße entlang geführt, worauf wir keine Lust hatten. Also ging es einfach den Weg zurück, den wir gekommen waren.

Zurück zum Auto

Auf dem Rückweg liefen wir noch ein Stückchen durch den Wald, die Stimmung war einfach klasse. Dank des Regens wirkte alles frisch und saftig. Am schönsten war aber der frische Waldduft, der uns in die Nase stieg. Ein bisschen Urlaub für die Seele.

Ziegenrück

Um einen kurzen Abstecher in Ziegenrück kamen wir nicht Drumherum. Ich wollte unbedingt wissen, was sich hinter dem riesigen Tunnel verbirgt. Doch bevor wir das herausfanden, mussten wir durchlaufen. Im Tunnel war es finster, kalt und windig, wie in einem schlechten Horrorfilm 😬.

Ich denke, wir waren beide überrascht, was wir entdeckten. Ich freue mich jetzt schon auf den Herbst, um die ganze Tour bis zur Brücke zu laufen. Die Saale fließt neben den Bahnschienen entlang, überall gab es alte verrostete Schilder und urige Strommasten. Ein Paradies für Detailverliebte. Nur die kahlen Bäume störten mich etwas, im Herbst sollten hier aber die Farben explodieren.

Wenn ihr Lust habt, die Tour nachzulaufen, schaut gern bei Outdooractive vorbei. Aktuell warte ich darauf, dass sich der Frühling blicken lässt. Es darf gern wärmer und grüner werden. Die kahlen Bäume wirken als Motiv ohne Schnee einfach nicht schön. Wenn ihr mich auf der nächsten Tour wieder begleiten wollt, abonniert gern meinen Blog.

11 Kommentare zu „#82: Ziemestalbrücke 2.0“

  1. Unglaublich viele Szenarien, die sich als Traumsymbole eignen! Tunnel, Brücken, Pfeiler, Gewässer, der Wald allemal. Doch der Tunnel ist unglaublich gut getroffen, Charles Dickens hätte keinen besseren darstellen können, weil auch das Licht genau das ist, was einen Schriftsteller inspiriert. Schaue ich mir Bilder unter Charles Dickens Tunnel an, so sind diese Tunnelabbildungen viel zu detailiert, zu hell ins Licht gesetzt …. bei dir herrscht richtig Atmosphäre die den Roman von vorne bis hinten begleitet, phantastisch!
    LG von Astrolady

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  2. Charles Dickens: Der Bahnwärter.
    Dort fährt auch ein eisiger, grauslicher Wind durch den feuchten Tunnel. Überhaupt wäre Dein Tunnelfoto – bzw. eines davon, denn alle sind so gut getroffen, was für ein Buchcover.
    Deine Beschreibung des detaillierten Wahrnehmens ist wirklich ein Reifeprozess. Erst prescht man drauf los, ganz benommen von der Möglichkeit der Technik, die man zur Verfügung hat – und da bleiben leider einige dran hängen – sie haben unglaublich kostspielige Kameras – doch leider nicht den Motiv-Alarm, der verfeinert sich erst mit der Erfahrung, Geduld und einem eisernen Willen. Also ich bin immer wieder von den Lichtwirkungen Deiner Aufnahmen sehr angetan.
    Das Waldsterben liest sich sehr traurig. Seit 2500 Jahren nimmt der Niederschlag kontinuierlich ab in Mitteleuropa, dann konnte man an Baumringen feststellen. Seit systematischen Wetteraufzeichnungen gab es noch niemals so wenig Niederschlag und die Talsole ist noch nicht erreicht. Ob wir langsam versteppen? Auch allein angesichts dieser Tatsachen sind Deine Fotos eine wichtige Dokumentation!
    LG

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